"Revolution" auf dem Land - Klein-Winternheim in der Mainzer Republik 1792/93

von Franz Dumont*

Einleitung

Eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern tanzt um einen Baum herum, auf dem eine Jakobinermütze aufgesteckt ist. Im Hintergrund sind drei Gebäude zu erkennen.

In diesen Tagen erinnern die Medien immer wieder an ein Jahr, das vor allem den etwas Älteren unter uns noch ganz nahe ist: 1968. Jedem, der damals die Schule hinter sich hatte oder der damals studierte, wird „Achtundsechzig“ unvergesslich bleiben.  Denn es war ein Jahr voll spektakulärer Ereignisse wie der Ermordung des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King oder dem Niederwalzen des „Prager Frühlings“ durch sowjetische Panzer. In Erinnerung aber blieb „Achtundsechzig“ als Höhepunkt der Studentenrevolte. Sie war 1967 in den USA ausgebrochen und hatte auf Frankreich und Italien übergegriffen. Auch auf Deutschland, das sich allerdings mit Revolten und Revolutionen schon immer schwer getan hatte. Denn unser Land galt von jeher als (zu) wenig aufmüpfig, als zu gehorsam und zu obrigkeitshörig .Und dies, obwohl es auch bei uns immer wieder Aufbegehren und Aufruhr gegeben hatte. Kein Wunder, dass 1968 der neugewählte Bundespräsident Heinemann die Historiker aufforderte, die Geschichtsbücher umzuschreiben. Sie sollten mehr als bisher jene Bewegungen in der deutschen Geschichte erforschen, die für Bürger und Bauern mehr Freiheit und eine Beteiligung an politischen Entscheidungen durchsetzen wollten.

In Mainz (und Umgebung) rannte Heinemann damit jedoch offene Türen ein. Denn hier hatte am Ende des 18. Jahrhunderts eine Art „Revolution“ stattgefunden. Sie war zwar nicht hausgemacht, sondern von den Franzosen mitgebracht worden, als sie im Herbst 1792 Mainz sowie große Teile Rheinhessens und der Pfalz  besetzten. Damit begann die „Mainzer Republik“, der kurzlebige Versuch, Okkupation und „Revolution“ miteinander zu verbinden. Die von den Franzosen  „importierte Revolution“ blieb jedoch keine Angelegenheit der Besatzungsmacht, sondern fand auch unter Einheimischen Zustimmung. Weil sich ihre Anhänger  in politischen Klubs organisierten, hießen sie damals meist „Klubisten“; heute spricht man eher von (deutschen) „Jakobinern“. Solche gab es jedoch nicht nur in Mainz, Worms, Speyer, Bingen und Aley, sondern auch in vielen Dörfern Rheinhessens und der Pfalz.

Klein-Winternheim war also eine von vielen Ortschaften, in die 1792/93 die Ideen von „Freiheit und Gleichheit“, von Menschenrechten und Demokratie getragen wurden. Das sollte hier eine ‚Revolution' auslösen, die dann zur „Réunion“, zum Anschluss an Frankreich, werden würde. Für die Franzosen waren dabei ‚Befreiung' und ‚Eroberung' gleichrangige Ziele, während ihre deutschen Anhänger vor allem einen Demokratieversuch wagen wollten. Wie dieses Experiment in Klein-Winternheim verlief, ist das Thema des heutigen Abends.

Das Dorf am Vorabend der Revolution

Wappen von Klein-Winternheim

Bevor wir aber über die Vorgänge in Klein-Winternheim zwischen Herbst 1792 und Sommer 1793 berichten, will ich einiges zur Situation des Ortes am Ende des 18. Jahrhunderts sagen. Seit Menschengedenken gehörte das Dorf zum weltlichen Besitz des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz. Etwas jünger war der Status der hiesigen St. Andreaskirche als Filial der Pfarrei Ober-Olm.

Dass die Klein-Winternheimer noch bei Ausbruch der Französischen Revolution so gut wie alle katholisch waren, war eine Spätfolge des Augsburger Religionsfriedens. Denn der hatte bestimmt, dass die Konfession der Untertanen dieselbe sein musste wie die des Landesherrn. Eine Ausnahme von dieser Regel machten 1790 die vermutlich drei Juden, die allerdings nur unter bestimmten Auflagen und Gebühren im Dorf leben konnten.

Die Einwohnerzahl von Klein-Winternheim betrug 1780 exakt 324 „Seelen“. Aus einer späteren Volkszählung erfahren wir auch, dass die meisten Familien 3 bis 4 Kinder hatten und dass es relativ viele Witwen bzw. Witwer gab. So gut wie alle Klein-Winternheimer waren Leibeigene des Mainzer Kurfürsten. Doch diese Leibeigenschaft stand in Kurmainz seit einer Reform von 1781 im Grunde nur noch auf dem Papier. Sie hatte keinen persönlichen Charakter mehr, sondern war mittlerweile eine reine Steuerquelle, bei Geburt, Heirat, Tod oder Wegzug.

Sozial und ökonomisch bestanden auch in Klein-Winternheim noch „feudale“, d.h. mittelalterliche Verhältnisse: Noch immer war der Ort durch die im Westen Deutschlands übliche Grundherrschaft geprägt. Ein großer Teil der Äcker, Wiesen und Weinberge gehörte streng genommen gar nicht den Bauern, die sie bewirtschafteten. Vielmehr waren sie Eigentum eines Grundherrn, meist eines Mainzer Klosters oder Stifts. Die Bauern hatten sie nur gepachtet: entweder auf Zeit oder in Erbpacht. Diese zweite Form war auch hier die häufigste, und der „Erbbeständer“ konnte sich praktisch als Eigentümer fühlen. Er durfte seine Güter allerdings nicht veräußern und musste dem Grundherrn eine Vielzahl von Abgaben leisten, meist in Naturalien. Der Zehnte, die bekannteste Naturalabgabe, stand dem Mainzer Kurfürst und dem Dompropst zu.

Die wichtigsten Grundherren in Klein-Winternheim waren Ende des 18. Jahrhunderts das Mainzer Domstift, das dortige St. Viktorstift, das Benediktinerkloster Jakobsberg (auf der Zitadelle) sowie das Weisenauer „Reuerinnenkloster“. Viel Grundbesitz hatte auch der 1781 aus mehreren Mainzer Klostergütern geschaffene „Universitätsfonds“.

Verwaltungsmäßig unterstand der Ort seit 1781 dem kurmainzischen Amt Olm bzw. der Weisenauer Amtsvogtei. Der Ortsvorstand wurde aus dem Schultheiß und dem Ortsgericht gebildet; 1792 war Andreas Spiesel Schultheiß, Martin Schreiber und Johannes Mumbächer Gerichtsfreunde, Nikolaus Knabb (oder Knapp) Gerichtsschreiber und zugleich Lehrer der ca. 60 Schulkinder. Soweit die Situation in Klein-Winternheim bei Ankunft der Franzosen im Oktober 1792.

Die "Neufranken" kommen

Die Abbildung zeigt einen französischen Soldaten. Er trägt eine blau-gelbe Uniformjacke mit roten Schulterstücken und Ärmelaufschlägen. Außerdem eine rot-weiß gestreifte Hose, die ihm bis zu den Knöcheln reicht. Er hat ein Gewehr geschultert.

Diese jahrhundertealten Rechts- und Besitzverhältnisse gerieten ins Wanken, als im Oktober 1792 Franzosen das Land besetzten. Sie waren schon öfter am Rhein gewesen, doch jetzt war vieles neu: Sie nannten sich nicht einfach „Franzosen“, sondern „Franken“ bzw. „Neufranken“. Dies deshalb, weil sie meinten ganz andere Menschen zu sein als ihre Vorfahren unter Ludwig XIV, Sie wollten möglichst schonend Krieg führen, ohne die kleinen Leute zu belasten und zu belästigen.

Doch die Truppen, die am 18. und 19. Oktober 1792 auf der Landstraße von Alzey in Nieder-Olm und Klein-Winternheim auftauchten, schienen zunächst die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen: Nur ein Teil von ihnen waren ordentliche „Linientruppen“, ein anderer – nicht geringer – waren Freiwillige. Sie kamen meist sehr abenteuerlich gekleidet daher, trugen nicht die üblichen Kniebundhosen, sondern lange Hosen. Es waren also „Sansculottes“, zu Deutsch „Ohnehosen“, wie die kurfürstliche Propaganda das Wort formal zwar korrekt, inhaltlich aber diffamierend übersetzte.

Doch: wie und warum standen die „Ohnehosen“ jetzt am Rhein ? Um es kurz zu machen: weil Frankreich seine Revolution „exportieren“ wollte, nachdem es Österreichern und Preußen nicht gelungen war, die Revolution durch eine militärische Invasion zu stoppen. Denn nach der Kanonade von Valmy (am 20. September) hatten die Alliierten umkehren müssen. Die Franzosen hatten die Monarchie abgeschafft und die Republik ausgerufen. Nun holte ein französischer General namens Custine zum Gegenschlag aus: Von Landau, das damals französische Festung war, brach er mit ca. 30.000 Mann in Richtung Mainz auf. Bei Speyer überrannte er eine wichtige deutsche Stellung, eroberte am 4. Oktober Worms, zog sich dann kurz aus taktischen Gründen zurück und stand am 18. Oktober abends in Weisenau. Eine zweite Kolonne hat er über Alzey in Richtung Mainz geschickt, und sie war es, die am 18. und 19. Oktober in Klein-Winternheim lagerte. Auch trug sie das Ihre zu einem der vielen Täuschungsmanöver Custines bei: Denn auf dem Klein-Winternheimer Berg und den anschließenden Höhen nach Marienborn und Hechtsheim hin, ließ der General die Zelte so aufbauen, dass man vom Mainzer Stephansturm aus den Eindruck gewinnen musste, als befände sich dahinter ein Lager für mehrere zehntausend Mann. Die List wirkte: Die kopflos agierenden Kommandeure der völlig unterbesetzten Festung gerieten in Panik und kapitulierten. Nach drei Tagen einer Belagerung, die eigentlich gar keine war, konnten die Franzosen am 21. Oktober 1792 nach Mainz einmarschieren. Auch für die Klein-Winternheimer begann jetzt wieder eine französische Besetzung. es war die dritte seit dem Dreißigjährigen Krieg.

Doch dies war eine andere Art von Krieg als bisher. Denn die „Neufranken“ bemühten sich nach Kräften, ihrem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Und der lautete: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“. Zumindest am Anfang nahmen sie diese Losung sehr ernst. Deshalb scheint es mir fraglich, ob die Franzosen hier (wie an anderen Orten) schon im Oktober 1792 regelrecht „geplündert und zerstört“ hätten. Zumal General Custine schon auf dem Vormarsch nach Mainz ein Exempel statuiert hatte und Plünderer kurzerhand erschießen ließ. Selbst die kurfürstliche Beamte – auch jene in Nieder-Olm – lobten immer wieder die „gute Mannszucht der Franzosen“.

Und die kam ja auch nicht von ungefähr: Denn die „Neufranken“ verstanden sich in der Mehrzahl ja nicht nur als Militärs, sondern wollten auch Befreier sein. Deshalb nannten sie sich ja auch „Freiheitsapostel“, ein Wort, das Goethe so sehr aufregte, denn es machte den geradezu missionarischen Charakter dieses Feldzuges deutlich.

Zunächst war davon allerdings wenig zu spüren. Denn trotz der guten Absichten und großartigen Losungen, hatten auch die Klein-Winternheimer sozusagen „normale“ Besatzungslasten zu tragen und waren davon „ganz entschöpft“: Sie mussten den Franzosen Futter- und Lebensmittel abgeben, sie mussten  kostenlose Transporte nach Mainz leisten oder in  Kastel  Schanzen bauen, weil Custine den Ort zum Brückenkopf gegen Deutschland ausbauen wollte. Auch Einquartierung von Offizieren und Mannschaften, die zur Verstärkung aus dem inneren Frankreich kamen, waren häufig. Ein Teil von all' dem bezahlten die Franzosen gleich, für den anderen gaben sie „Bons“ (Gutscheine) aus. Auf die wartete man aber noch im Januar 1793.

Ein Freiheitsbaum in Klein-Winternheim?

Das Bild zeigt einen dünnen Baum, mit einer kleinen Baumkrone, auf der eine rote Jakobinermütze sitzt. Untendrunter der Spottvers: "Nau wie solls mirs gefallen, s'is außer a Baeumche ohne Wurtzel, un a Kaepla ohne Kopf".

Trotz dieser wochenlangen Beschäftigung mit  Besatzungslasten gab es für die Klein-Winternheimer im Herbst 1792 noch andere Probleme: Da war zunächst ein ganz praktisches, nämlich die für den Winter nötige Vorsorge, vor allem an Brennholz. Bisher hatte man es am  Ober-Olmer  Forsthaus dem kurfürstlichen „Revier-Jäger“ Claßen abgekauft, Nun aber schien auch vielen Klein-Winternheimern ein günstiger Zeitpunkt gekommen zu sein, um sich eigenmächtig und vor allem kostenlos mit Holz einzudecken, Zusammen mit den Ober-Olmern, Draisern und Marienbornern fuhren sie  – wie Claßen erschrocken berichtete-  mit 30 bis 40 Fuhrwerken zum „herrschaftlichen“, also kurfürstlichen Wald. Dort veranstalteten sie einen regelrechten Kahlschlag, und der zuständige Beamte in Mainz befürchtete den „gänzlichen Ruin des Waldes“. Dieser „Waldfrevel“ fand schon in den ersten Tagen der Besetzung statt, und spiegelte eine diffuse, spontan-eigenmächtige Stimmung im Machtvakuum zwischen alter und neuer Regierung wider. Ganz ähnlich wie direkt vor den Toren von Mainz, wo  Angehörige der Unterschicht Weinberge und Gartenhäuser plünderten.

Umso mehr drangen Revierjäger Claßen und seine Vorgesetzten darauf, den „Waldfrevel“ abzustellen. Das war auch eine der ersten Amtshandlungen der neuen, von General Custine eingesetzten Besatzungsverwaltung: Sie warnte die nahe am Ober-Olmer Wald gelegenen Gemeinden scharf vor weiteren „Zügellosigkeiten“, die auch in einem freiheitlichen System nicht geduldet werden dürften. Damit war zugleich einer der wichtigsten Grundsätze der Franzosen genannt: Sie wollten ihre Nachbarn zwar befreien, ihnen die Demokratie bringen. Doch der Übergang zur neuen Freiheit sollte geordnet, ohne Gewalt vor sich gehen. Am besten durch einen freien Volksentscheid. Bis zu dieser Entscheidung aber blieb in puncto Recht und Ordnung, Abgaben und Eigentum alles beim Alten! Exakt auf dieser Linie lag auch die Warnung der „Allgemeinen Administration“ unter dem Theologieprofessor Dorsch und seinem Stellvertreter, dem berühmten Weltreisenden und Schriftsteller Georg Forster.

Drängender und radikaler war dagegen der Mainzer Jakobinerklub. Er war  schon zwei Tage nach dem Einmarsch der Franzosen, von 20 Mainzern gegründet worden war. Für ihn stellten die „gedrückten Landleute“ das revolutionäre Potential schlechthin dar, während die Städter ihnen zu verdorben und zu zögerlich vorkamen. Deshalb hielten die meisten Jakobiner auch sehr volkstümliche Reden, ließen diese und andere Druckschriften kostenlos an die Marktbeschicker verteilen oder „missionierten“ selbst auf dem Land. Dabei errichteten sie – zusammen mit einheimischen Gesinnungsfreunden sowie französischen Soldaten – oft auch einen „Freiheitsbaum“. Dieser war im Grunde nichts anderes als ein zum politischen Symbol umfunktionierter Kerbe- oder Maibaum. Nur dass er mit blau-weiß-roten Bändern geschmückt und von einer roten Jakobinermützte bekrönt war. Sie symbolisierte die Volkssouveränität sowie die Grundwerte Freiheit und Gleichheit.

Ob es in Klein-Winternheim 1792 einen Freiheitsbaum gab, ist zwar nicht absolut sicher, aber doch sehr wahrscheinlich. Jedenfalls ist durch eine auch sonst recht zuverlässige Quelle belegt, dass in „Kleinwintersheim“ ein solcher „Baum des Lebens“ gepflanzt wurde. Vielleicht geschah das in zeitlicher Nähe zur Errichtung des Nieder-Olmer Freiheitsbaumes, die am 10. Dezember 1792 erfolgte. Vielleicht stand der Baum auch schon seit dem 18. oder 25. November, d.h. seit dem mittlerweile für den ganzen Kurstaat einheitlich geregelten Kerbesonntag. Als Standort dürfte man einen Platz vor dem Rathaus oder der Kirche gewählt haben. Jedenfalls wird es eine markante Stelle gewesen sein, schon, um den Franzosen zu zeigen, dass Klein-Wintersheim zu den revolutionsfreundlichen Dörfern gehörte.

Revolution "im Namen des Allmächtigen"

Dass Klein-Winternheim auf Seiten der Franzosen stand, daran gab es seit Mitte Dezember 1792 kaum mehr Zweifel. Denn damals wollte die Administration den „Volkswillen“ erkunden und schickte „Kommissare“ aufs Land, die hier Stimmen für oder gegen die „fränkische Konstitution“ sammeln sollten. In Klein-Winternheim erschienen daher am 19.Dezember zwei Mitglieder des  Mainzer Jakobinerklubs. Sie hatten sich vorher bei Schultheiß Spießel angemeldet und kamen von Nieder-Olm, wo sie bereits erfolgreich gewesen waren.

In Klein-Winternheim schien es zunächst anders zu laufen. Denn bei der ersten Versammlung war offensichtlich nur die Hälfte der Gemeinde, nämlich 30 Stimmfähige, erschienen. Und von diesen unterzeichneten  nur 19 Männer. Schultheiß Spießel erbot sich aber, die restlichen Stimmen einzusammeln. Gesagt, getan: die ‚Nachzügler' unterzeichneten, und schließlich gab es aus Klein-Winternheim 57 von 60 Stimmen „für die fränkische Constitution“.Aber was bedeutete das? Um das zu erfahren, habe ich hier den Text ganz abgebildet, allerdings in dem für Badenheim bei Wöllstein ausgefertigten Exemplar; jenes für Klein-Winternheim ist verloren gegangen.

Der Text beginnt recht traditionell, um nicht zu sagen: mittelalterlich. Wie in einer alten Urkunde wird hier zunächst Gott angerufen, doch dann geht es recht weltlich weiter: Die Unterzeichner sind der alten Ordnung überdrüssig und streben deren „gänzliche Umänderung derselben. Das hieß nichts anderes als eine Revolution – allerdings eine friedliche, eine gewaltlose. Doch selbst dazu fühlen sich auch die Klein-Winternheimer zu schwach und hoffen auf die Hilfe der Franzosen. Dazu sollen Abgesandte nach Paris geschickt werden, die entweder von den Unterzeichnern oder nur von den Mainzern gewählt werden. Ziel ist die „Verbeßerung unsrer alten Konstitution nach der fränkischen“, mithin eine Übernahme der Staats- und Gesellschaftsordnung des revolutionären Frankreich. Mit ihm will man auch eine engere Verbindung eingehen.

Revolution und Reunion also in geordneten Bahnen, mit göttlichem Beistand sogar? Eine geschickte Wortwahl machte das vielleicht allzu brisante Unternehmen „Umsturz“ für die Bauern akzeptabel. Denn mit dem Begriff „fränkische Konstitution“ war im Grunde nur ein Votum für die Staatsform ‚Republik', für die Einführung von Freiheit und Gleichheit gemeint. Dabei ging man noch ganz selbstverständlich von einer echten Entscheidungsfreiheit zwischen der Demokratie und anderen Staatsformen – voran der Monarchie – aus. Das Ergebnis sollte in jedem Fall respektiert werden. Und dies, obwohl man sich nur einen Sieg der demokratischen Idee vorstellen konnte, denn man setzte ganz auf die Anziehungskraft . des französischen Modells gerade bei der Landbevölkerung.

Ähnlich groß wie in Klein-Winternheim war die Zustimmung in Nachbarorten wie Nieder- und Ober-Olm , Drais, Ebersheim und Gau-Bischofsheim. Dagegen versuchten sich die Hechtsheimer und Marienborner einer politischen Festlegung zu entziehen. Das änderte jedoch nichts daran, dass die Stimmung damals „Für die Fränkische Konstitution“ sehr günstig war. Dennoch wurde die Abstimmung an der Jahreswende 1792/93 eingestellt.

Ergebnisse der Abstimmung über die "fränkische Konstitution"

Ort Stimmfähige davon "Ja" Anmerkung
Klein-Winternheim 60 57
Nieder-Olm 113 103
Ober-Olm 170 165
Hechtsheim 145 95 (im 2. Anlauf!)
Drais 35 33
Marienborn 42 42 (nur Enthaltungen!)
Ebersheim 47 47
Gau-Bischofsheim 30 30

Vom Ortsgericht zur Municipalität

Der Grund für das abrupte Ende der wohl ersten – im modernen Sinne – demokratischen Abstimmung in Deutschland lag im heutigen Belgien. Denn die ebenfalls von den Franzosen besetzten österreichischen Niederlande hatten sich seit Herbst 1792 viel weniger revolutionär gezeigt, als man das in Frankreich von ihnen erwartete. Zwar hatte es 1789 zeitgleich mit der Französischen auch eine Belgische Revolution gegeben. Doch war deren Ziel nicht eine neue Gesellschaft oder gar eine Republik, sondern die Wiederherstellung des mittelalterlichen Ständestaates und der Unabhängigkeit von Brabant und seinen Nachbarprovinzen.

Ähnliche Tendenzen meinten die Franzosen auch am Rhein bemerken zu können: Die Mainzer Großkaufleute sprachen sich für eine gemäßigte Monarchie aus, die Zünfte natürlich für den alten Ständestaat, und die bürgerliche Geistlichkeit plädierte für eine Neutralität der Kirche gegenüber allen Gesellschafts- und Staatsformen.

Angesichts dieser Entwicklungen beschloss man in Paris eine Kehrtwende in der Befreiungspolitik: In allen französisch besetzten Gebieten durfte jetzt nur die revolutionäre Demokratie eingeführt werden, MUSSTEN jetzt Wahlen zu neuen Ortsverwaltungen (sog. „Munizipalitäten“) sowie zu regionalen Parlamenten stattfinden. Zuvor aber mussten alle Wähler und Gewählten auf die demokratischen Grundwerte Freiheit und Gleichheit schwören. Wer den Eid verweigerte, dem wurde mit Kriegsrecht sowie Ausweisung und Enteignung gedroht. Das galt auch für ganze Völker, die als Eidverweigerer  ausdrücklich  zu Feinden  der Frankenrepublik erklärt wurden. Als Stichtag für Eidleistung und Wahlen setzte man den 24. Februar 1793 fest.

In Klein-Winternheim war diese völlig neue ‚Befreiungspolitik Anfang Januar 1793 bekannt gemacht worden. Eine der letzten Amtshandlungen von Schultheiß Spießel, denn gegen ihn lief schon seit Dezember 1792 ein Absetzungsverfahren. Die Gründe dafür waren jedoch nicht politischer Natur. Vielmehr wurden ihm massive Unterschlagungen zum Nachteil seiner Mitbürger vorgeworfen. Darüber hatten sich schon etliche Klein-Winternheimer bei der „Allgemeinen Administration“ in Mainz beschwert. Diese nahm die Vorgänge in unserem Ort offenbar so ernst, dass sie ihren Präsidenten Dorsch damit beauftragte, hier am 24. Januar 1793 die Wahl eines neuen Schultheißen durchzuführen. Den offiziellen Auftrag dazu erhielt Dorsch tags zuvor von seinem Stellvertreter Forster. Für Forster war das sicher administrative Routine, für Klein-Winternheim aber immerhin ein Dokument mit der Unterschrift des berühmten Weltumseglers, Schriftsteller und Revolutionärs.

Zur Schultheißen-Wahl am 24. Januar erschienen so gut wie alle Klein-Winternheimer. Im ersten Wahlgang erhielt Johannes  Eckart 32 von 59 Stimmen, Jakob Schmuck 27. Doch Eckart lehnte das Amt ab, weil er weder lesen noch schreiben könne. So erhielt Jakob Schmuck das Schultheißen-Amt; zu Gerichtsleuten wurden Martin Schreiber und Johann Mumbächer ernannt, Gerichtsschreiber war weiterhin der Lehrer Nikolaus Knab. Am 10. Februar unterzeichnet der Klein-Winternheimer Ortsvorstand eine – übrigens auf Französisch verfasste – Eingabe des Johann Kissel als „Schultheiß und Gericht“, am 4. März unterschreiben dieselben mit „Maire und Municipalen“.

Klein-Winternheim war also inzwischen „munizipalisiert“, d.h. nach französischem Muster als Gemeinde organisiert und hatte auf ‚Freiheit und Gleichheit“ geschworen. Wann das genau geschehen ist – ob am offiziellen Termin, dem  24. Februar oder später – wissen wir (noch) nicht, doch muss es eben vor dem 4. März gewesen sein. Vielleicht hat aber wegen der kurz vorher erfolgten Neuwahl des Ortsvorstandes gar keine weitere Wahl stattgefunden und die Gemeinde wurde „nur“ vereidigt.

Das dürfte zudem freiwillig, ohne nennenswerten Widerstand vor sich gegangen sein. Darauf lassen zumindest das Fehlen entsprechender Berichte, vor allem aber die späteren Einschätzungen von Klein-Winternheim als einer „der französischen Anhänglichkeit verdächtigen“ Gemeinde schließen.

"Bürger Scheuer, Deputirter von Klein-Winternheim"

Die „Munizipalisierung“ einer Gemeinde war laut Wahlordnung aber erst abgeschlossen, wenn sie auch einen Abgeordneten für das nach Mainz einberufene Regionalparlament gewählt hatte. Dieser „Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent“ sollte für die Gemeinden „zwischen Landau und der Mosel“ sprechen und eine Verfassung ausarbeiten, die auf „Freiheit und Gleichheit“ beruhen sollte. So stand es in der Wahlordnung, doch jeden war klar, dass der Mainzer Konvent auch die „Reunion“, die Vereinigung des neuen „Rheinisch-Deutschen Freistaates“ mit der französischen ‚Mutterrepublik' beschließen würde.

Unter diesen Vorzeichen wählten die Klein-Winternheimer am 9. März 1793 ihren Deputierten. Wir kennen leider nur das Datum und den Namen, nicht aber die näheren Umstände, wie etwa die Wahlbeteiligung und Stimmenzahl. Gewählt wurde kein Einheimischer, sondern der Mainzer Jakobiner Johann Anton Scheuer. Dies wohl deshalb, weil er als Abgesandter der Allgemeinen Administration um die Jahreswende in Nieder-Olm gewirkt hatte. Am 7. März. also zwei Tage vor der Wahl nach Klein-Winternheim gekommen war, um die Vorwürfe gegen den abgesetzten Schultheiß Spießel näher zu untersuchen. So vertrauten die Klein-Winternheimer Scheuer gern die Aufgabe an, ihre Gemeinde bei der politisch brisanten  „Staatsumwälzung“, der Trennung von Deutschland und dem Anschluss an Frankreich zu vertreten. Am 13. März ließ Scheuer sich in Mainz als Abgeordneter registrieren und pendelte seit Eröffnung des Konvents am 17. bis zum 22. März zwischen Klein-Winternheim sowie Nieder- und Ober-Olm und Mainz hin und her.

Wer war dieser Johann Anton Scheuer? Er stammte aus Östrich im Rheingau, war fast 30 Jahre alt, hatte in Mainz Jura und Philosophie studiert und war kurz im Priesterseminar gewesen. Seit 1789 Beamtenanwärter, wurde Scheuer bald vom Vogteiamt Weisenau übernommen und war schon dadurch in Klein-Winternheim gut bekannt. Schließlich wurde er in Mainz „Polizeikommissar“, betätigte sich aber auch als Rechtsanwalt. Der Öffentlichkeit verborgen blieb zunächst seine Mitgliedschaft bei den Mainzer „Illuminaten“. Sie galten (und gelten) als radikale, „linke“ Abspaltung der Freimaurer und hatten ihre zweitgrößte Gruppe. Nicht wenige von ihnen traten 1792 dem Mainzer Jakobinerklub bei; dazu gehörte auch Scheuer, der das schon Ende Oktober, fünf Tage nach der Gründung tat. Die Mainzer Munizipalität setzte ihn als Polizeikommissar im bevölkerungsreichsten Stadtviertel ein. Das qualifizierte Scheuer auch für die Aufträge der Administration auf dem Lande – und für seine Mitwirkung im Nationalkonvent, denn seine „patriotische Gesinnung“ war völlig unstrittig.

So nahm Scheuer auch an dem Gottesdienst teil, mit dem der Konvent am frühen Morgen des 17. März 1793 ganz traditionell in der Mainzer Peterskirche eröffnet wurde. Nach dem Gottesdienst ging es hinüber ins Deutschhaus, den heutigen Landtag. Dort konstituierte sich dann der „Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent“. Die 65 anwesenden Deputierten (deren Zahl sich schließlich verdoppelte) verstanden sich als „Stellvertreter des freien deutschen Volkes“, d.h. als Mitglieder eines Parlamentes im heutigen Sinn. Gleich am zweiten Tag beschlossen sie die Trennung des Gebietes „zwischen Landau und Bingen“ vom Deutschen Reich, die Absetzung aller Fürsten, die Abschaffung der Feudalordnung und riefen einen „Rheinisch-Deutschen Freistaat“ aus. Drei Tage später, am 21. März 1793, beschloss man nach einer „Debatte“, die eigentlich keine war, in Paris die Vereinigung des gerade drei Tage alten Freistaates mit der Französischen Republik zu beantragen. Dazu entwarf Forster – inzwischen Vizepräsident des Konvents – eine pathetisch-unterwürfige Adresse, die am 25. März von allen anwesenden 90 Abgeordneten unterzeichnet wurde. Unter ihnen war auch „Johann Anton Scheuer, Deputirter von Klein-Winternheim“. Noch am gleichen Tag reiste Forster zusammen mit zwei anderen Abgeordneten nach Paris, um dort um den Vollzug der Vereinigung mit Frankreich zu bitten. Natürlich wurde der Mainzer Antrag vom französischen Nationalkonvent begeistert begrüßt und einstimmig angenommen. Ein Dekret vom 30. März 1793 erklärte daraufhin alle 84 Orte, deren Vertreter die Adresse vom 25. unterschrieben hatten, zu „parties intégrantes de la République francaise“ - zu festen Bestandteilen der Französischen Republik, darunter natürlich auch Klein-Winternheim.

Doch hier hatte man Ende März 1793 offenbar ganz andere Sorgen: Noch immer war die Untersuchung gegen den im Januar abgesetzten Schultheiß Spießel nicht beendet. Scheuer, der als Konventsabgeordneter eigentlich viel zu tun hatte (erwar Mitglied des wichtigen Gesetzgebungsausschusses), Scheuer also kam immer wieder ins Dorf, um Spießels Kontrahenten zu vernehmen. Die ständigen Sitzungen aber nervten die Klein-Winternheimer Munizipalität so sehr, dass sie sich bei der Administration darüber beschwerte: Sie würden, so schrieben sie am 27. März, „an unserer angehäufften Feldarbeit vieles versäumen und müssen durch Taglöhner   solche Arbeit mit schweren Kosten zum grösten Schaden unserer Haushaltung verrichten lassen“. Ohnehin seien sie „die Männer nicht, die solchen Sitzungen ohnentgeltlich beiwohnen könnten“ Die Administration zeigte aber kein Einsehen, sondern wies die Klein-Winternheimer Municipalen in ziemlich barschem Ton an, Scheuer weiterhin zu assistieren.

Mehr Verständnis hatte die Mainzer Behörde für ein anderes Anliegen der Klein-Winternheimer gehabt, nämlich für die Anstellung eines eigenen Ortsgeistlichen. Die Chance dazu bot sich ausgerechnet jetzt in der Mainzer Republik, die mit der Kirche bisweilen recht rüde umging. Aber: des einen Freud ist des anderen Leid. Denn als der Ober-Olmer Pfarrer Weller zusammen mit seinen beiden Kaplänen Schwarz und Wohmann wegen Verweigerung des Eides auf die rechte Rheinseite deportiert wurden, schlugen die Klein-Winternheimer zu und schrieben Ende Februar 1793 nach Mainz: „Die Entledigung der Pfarrei Oberolm veranlasset uns, eine allgemeine Administration in Mainz zu behelligen, und um einen eigenen alleinigen Seelsorger anzuhalten“. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die Verbindung mit Ober-Olm „der hiesigen Gemeine aus erheblichen Gründen ... schon lange zuwider“ gewesen sei. Für Unterhalt und Unterkunft eines eigenen Pfarrers sei bestens gesorgt. Die Administration hatte aber Dringenderes zu tun und legte den Antrag lapidar  „ad acta“! Doch der Klein-Winternheimer Ortsvorstand – nun eine „Munizpalität“ – ließ nicht locker und trug sein anliegen Anfang März erneut vor. Nun aber mit Argumenten, die bei ihnen als Revolutionsanhängern doch aufhorchen lassen: Durch einen eigenen Ortsgeistlichen werde, so hieß es da, die Gemeinde „mehr zur Ausübung der Christkatholischen Andacht aufgemundert“, ohne ihn aber würde sie „lau im Christenthum“ werden. Hinzu komme der hohe Krankenstand der Klein-Winternheimer, der viele am Kirchgang nach Ober-Olm hindere. Man sei nun schon den zweiten Sonntag ohne Messe geblieben, weshalb schleunigst Abhilfe geschaffen werden müsse. Diesmal hatte die Administration ein Einsehen und schickte noch am gleichen Tag einen geschworenen Mainzer Kapuziner nach Klein-Winternheim, „um die gewöhnliche Pfarrei allda zu versehen“. Doch der Pater hatte  offenbar wenig Ausdauer, denn am 29. März wies sie den Prior der Augustiner an, „auf Klein-Winternheim einen Pater zu schicken, um alldorten die (Oster-)Feiertage über den Gottesdienst zu halten“.

"Von der Seuche des Aufruhrs angesteckt"?

Doch an Ostern 1793 sah die Welt für die Klein-Winternheimer schon wieder ganz anders aus: Nun lagen preußische Husaren im Ort, Teil jener deutschen Truppen, die seit Ende März die Franzosen aus Rheinhessen und der Pfalz vertrieben hatten. Nur Mainz war noch in französischer Hand, doch der Belagerungsring um die Stadt schloss sich Mitte April. Im eingeschlossenen Mainz wurde es weniger den Franzosen als den Jakobinern mulmig. Denn überall gerieten die „Klubisten“ in ein politisch, ja sogar moralisch schlechtes Licht. So wie in diesem Spottgedicht, in dem sie als regelrechte „Anarchisten“, als Staats- und Gottesverächter, als dunkle Elemente erscheinen.

Der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent, der zuvor so selbstbewusst alle Gegner hatte einschüchtern wollen, vertagte sich am Ostersonntag „auf unbestimmte Zeit“. In Wirklichkeit aber löste er sich auf, wofür die Flucht mehrerer Abgeordneten ein untrügliches Zeichen war. Zu diesen gehörte auch der Klein-Winternheimer Deputierte Scheuer. Er schloss sich nach der vorletzten Sitzung mehreren Kollegen an, die sich ins Elsass retten wollten. Unter ihnen waren auch der Administrationspräsident Dorsch und sein Freund, der Theologieprofessor Blau. Doch die Gruppe kam nicht weit, sondern wurde am 1. April  bei Alsheim von Preußen gestellt und in der Guntersblumer Kirche gefangen gesetzt. Dabei gab es erst einmal Hiebe, doch nahm sich bald der Kronprinz von Preußen, der spätere König Friedrich Wilhelm III., der Gefangenen an, verschaffte ihnen sogar Hafterleichterungen. Umso größer war ihr Schrecken, als sie nach wenigen Tagen über Frankfurt zur Festung Königstein gebracht wurden: In der Mainmetropole wurden vor allem Blau und Scheuer Opfer schwerer Misshandlungen. Auch die anschließende Haft war für beide eine Qual, und Scheuer atmete auf, als im Februar 1795 nach Frankreich entlassen wurde. Bald aber war er als „Agent de la République“ wieder in Deutschland, besonders auf dem rheinischen Kriegsschauplatz. Beim Anschluss des linken Rheinufers an Frankreich (1797/98) wurde er Notar in Sobernheim und blieb das bis zu seinem Tod im Revolutionsjahr 1849. Seine Gesinnung war auch unter preußischer Herrschaft dieselbe wie in der Mainzer Republik.

Doch zurück nach Klein-Winternheim, zurück ins Jahr 1793. Seit April lag das Dorf hinter Stellungen mit Kaiserlichen Soldaten, doch im Ort selbst waren Preußen stationiert. Mit ihnen gerieten die Klein-Winternheimer schnell aneinander. Diese Spannungen gingen aber über das sonst zwischen Besatzern und Besetzten übliche Maß hinaus – und zwar aus politischen Gründen. Schon am 6. Juni 1793 stellten zurückgekehrte Mainzer Beamte fest, die Klein-Winternheimer hätten „an dem von den Franken eingeführten Freiheitssystem besonders Anteil genommen“. Die gleiche Rüge ging übrigens an die Nieder- und Ober-Olmer sowie an die Draiser .Die Ortsvorstände wurden daher gemahnt, die Suche nach allen „für die deutsche Verfassung gefährlichen Menschen“ zu verstärken und an ihrer Verfolgung  mitzuwirken. Doch drei Wochen später  zeigten gerade die Klein-Winternheimer noch immer keine Einsicht. Im Gegenteil: Sie ließen die Preußen ihre Abneigung deutlich spüren und priesen die Franzosen ganz offen, „weil sie von diesen nicht so mitgenommen worden seyen“. Das wiederum, so die Behörde, ziehe ihnen den Hass der deutschen Truppen zu; deshalb dürften sie sich über Schikanen von dieser Seite nicht zu wundern. Immerhin bewahrten die Deutschen sie doch vor der „alles verwüstenden Revolution“. Dafür müssten die Klein-Winternheimer eigentlich dankbar sein – oder waren sie schon „von der Seuche des Aufruhrs“ angesteckt?

Ein schwerer Vorwurf. Und der Gemeinde gelang es nicht so schnell, ihn loszuwerden. Bis über das Ende der Mainzer Republik, das mit Kapitulation und Abzug der Franzosen am 23. Juli 1793 gekommen war, galten die Klein-Winternheimer als Leute, die „der demokratischen Anhänglichkeit“ verdächtig waren. Doch, die Zeiten haben sich sehr geändert: Was damals eine Schande, ein Vorwurf war, ist für uns heute eher eine Auszeichnung.

Lassen wir zum Schluss Goethe zu Wort  kommen. Nicht nur, weil er 1793 in Klein-Winternheim seine Maler- Freunde, den Engländer Charles Gore und den Weimarer Georg Melchior Kraus, besucht hat. Vielmehr hat er in „Hermann und Dorothea“ Verse gedichtet, die sich direkt auf  Klein-Winternheim in der Mainzer Republik beziehen könnten. So erzählt im 6. Gesang der vom linken aufs rechte Rheinufer geflohene fremde Richter über die Wirkung der Revolution in seiner Heimat:

Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet
Drauf begann der Krieg, und die Züge bewaffneter Franken
Rückten näher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen.
Und die brachten sie auch: denn ihnen erhöht war die Seele
Allen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der Freiheit,
Jedem das Seine versprechend und jedem die eigne Regierung;
Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter,
Und der muntere Tanz begann um die neue Standarte.
So gewannen sie bald, die überwiegenden Franken,
Erst der Männer Geist, mit feurigem, munterm Beginnen,
Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmut.
Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfenden Krieges
Denn die Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne,
Lockte die Blicke hinaus in neueröffnete Bahnen.

Quellen und Literatur

Mainz, Stadtarchiv :  Bestand 10/ 161- Bestand 61/ Etat des services ..., Rhin-et-Moselle.

Paris, Archives Nationales: Série C 250, dossier 404, Nr. 14.

Würzburg, Staatsarchiv / Mainzer Regierungs-Archiv, Abt. V: Klubbisten, Fasz.  39 u. 388.

Becker, Franz Josef / Böhmelmann, Hans-Joachim (Schriftltg.): 900 Jahre Klein-Winternheim. Beiträge zur Ortsgeschichte, hrsg.v.d. Gemeinde Klein-Winternheim 1999

Brück, Anton Philipp: Kurmainzer Volksschulen im heutigen Rheinhessen im Jahre 1780. In: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde 8 (1959), H. 2, S. 172-173.

Dumont, Franz: Die Mitglieder des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents zu Mainz. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde N.F. 40 (1982), S. 143-184.

Dumont, Franz: Der Raum Nieder-Olm in der Franzosenzeit (1792-1814). In: Karl-Heinz Spieß,  Nieder-Olm. Der Raum der Verbandsgemeinde in Geschichte und Gegenwart. Alzey 1983, S. 149-187.

Dumont, Franz: Die Mainzer Republik von 1792/93. Studien zur Revolutionierung in Rheinhessen und der Pfalz, Alzey 2. erw. Auflage 1993.

Falk, Franz: Chronik des katholischen Pfarrdorfs Klein-Winternheim im Kreis Mainz. Gau-Algesheim 1888.

Hansen, Joseph (Hrsg.): Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der Französischen Revolution 1780-1801, Bd. 2: 1792/93 u. Bd. 4: 1798-1801, Bonn 1933/38.

Kneib, Gottfried: Das Kurmainzer Amt Olm. Alzey 1995.

May, Johannes: Chronik der Gemeinde Ober-Olm. Mainz 1907.

Pelizaeus, Ludolf: Die soziale Lage im Amt Olm bis zur Zeit des Übergangs von der Kurmainzer zur französischen Herrschaft. In: Anna Egler / Wilhelm Rees (Hrsg.), Glaube und Recht. Festschrift für Georg May zum 80. Geburtstag, Berlin 2006, S. 281-293.

Scheel, Heinrich (Hrsg.): Die Mainzer Republik 1792/93. Bd. I: Protokolle des Jakobinerklubs. Bd. II: Protokolle des Rheinisch-deutschen Nationalkonvents mit Quellen zu seiner Vorgeschichte. Berlin (Ost) 1975/81.

Scheuer, Ludwig: Aus den Erinnerungen eines Mainzer Illuminaten während der Französischen Revolution. In: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde 8 (1959), H. 1, S. 161-162.

Hinweis

Der hier veröffentlichte Text ist das Manuskript eines am 21. April 2008 gehaltenen Vortrages für den Geschichtsverein Klein-Winternheim.  Da es sich um einen Vortrag handelt, wurde hier auf Fußnoten verzichtet und lediglich ein Quellen- und Literaturverzeichnis angehängt.

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