Neun Thesen zur Mainzer Republik

Französischer Revolutionsexport und deutscher Demokratieversuch

von Franz Dumont

  1. Die Mainzer Republik hat ein Doppelgesicht: sie war ein französischer Revolutionsexport und zugleich ein deutscher Demokratieversuch.
  2. Grundlage der Mainzer Republik war die französische Besetzung von Mainz, Rheinhessen und der Pfalz; ohne die militärische Expansion des revolutionären Frankreich hätte es den deutschen Demokratieversuch gar nicht gegeben.
  3. Frankreichs "expansion revolutionnaire" hatte von Anfang an zwei Seiten: die der Befreiung und die der Eroberung. Frankreich wollte seinen Nachbarn die Freiheit bringen. ebenso aber seine Grenzen erweitern.
  4. Von ihrer neuen Staatsform überzeugt, verkündeten die Franzosen 1792 zunächst das Prinzip der Selbstbestimmung, gaben dieses aber auf, als sich die "Befreiten" nicht so revolutionär zeigten wie erwartet ("Zwangsbefreiung" 1793)
  5. Auf deutscher Seite beweist die Existenz von Jakobinern in den Städten und Dörfern um Mainz, dass die Französische Revolution auch noch in ihrer 2. Phase in allen Schichten Anhänger fand. Die führenden Jakobiner waren allerdings Intellektuelle und Beamte.
  6. Widerstand kam in der Mainzer Republik besonders von Zünften, Geistlichen und Großbürgern; Ursachen dafür waren Zufriedenheit mit dem Bestehenden, politische Passivität, Kirchentreue, Nationalismus und Wunsch nach Reformen statt nach Revolution.
  7. Als erster deutscher Demokratieversuch scheiterte die Mainzer Republik vor allem an mangelnder Akzeptanz und inneren Widersprüchen (Besatzungsherrschaft, Zwangsbefreiung). Doch die 1793 erreichte Politisierung breiter Schichten war nicht mehr ruckgängig zu machen.
  8. In der "Franzosenzeit" (1798-1814) wurden viele Programmpunkte der Mainzer Jakobiner realisiert, allerdings "von oben". Diese Errungenschaften (u.a. Rechtsgleichheit, Gewerbefreiheit, unabhängige Justiz, Zivilehe) wurden unter der "Restauration" erfolgreich verteidigt, und Hambacher Fest (1832) sowie 48er Revolution konnten daran anknüpfen.
  9. Die Mainzer Republik war stets umstritten: Im Zeitalter des Nationalismus wurde sie in Deutschland verurteilt und von Frankreich vereinnahmt. Die deutsch-französische Aussöhnung (1950er Jahre) und die Demokratiedebatte 1968ff. führten zu einer Aufwertung; zugleich aber wurde sie zum Streitobjekt im Kalten Krieg. Heute diskutiert man, ob sie ein einmaliger "Ausrutscher" oder ein aufschlussreicher Testfall für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland war.