Hinweise

"Biedere teutsche Anhänglichkeit"

Hechtsheim in der Mainzer Republik 1792/93

Von Franz Dumont

Mainz, den 9. September 1793. Friedrich Karl Joseph von Erthal, Erzbischof und Kurfürst von Mainz, zieht wieder in seine Haupt- und Residenzstadt ein. Sechs Wochen nach dem Ende des Versuchs, mit Hilfe der Franzosen aus Mainz eine Republik zu machen. Fast ein Jahr haben die Mainzer ihren Oberhirten und Landesherrn nicht gesehen. Nun kennt ihr Jubel keine Grenzen, am Neutor werden die sechs Pferde der Karosse ausgespannt, und zwölf Metzger ziehen den Wagen zum Deutschhaus, wo Erthal wohnen wird. Entsetzt sehen die inzwischen verfemten Jakobiner, wie das „Volk“, das sie befreien wollten, ihnen davon läuft. Mit bitterer Ironie verspottet einer von ihnen die zwölf Metzger, indem er den Einzug des Erzbischofs mit dem Einzug Jesu in Jerusalem vergleicht:

Jesus zog in Salem ein,
eine Eselin durft’ ihn tragen
Sein Diener kommt nach Mainz herein,
zwölf Ochsen ziehen seinen Wagen

Der Kurfürst erfährt von den Spottversen natürlich nichts, sondern sieht nur die jubelnden Massen und empfängt im Deutschhaus Behörden und Bürgerschaft, die ihm „untertänigst“ huldigen. Seine Regierung arbeitet indessen pausenlos daran, die neun Monate der Mainzer Republik politisch zu „bewältigen“, durch drakonische Strafen für Einzelne oder ganze Gemeinden, aber auch durch Lob und Belohnung für alle, die sich 1792/93 „standhaft“ gezeigt, die sich nicht der „französischen Anhänglichkeit“ schuldig gemacht, sondern ihre „deutsche Treue“ bewiesen haben. Darunter ist freilich weniger eine „nationale“  als eine „konservative“ Einstellung zu verstehen; Für sie werden u.a. die Bodenheimer und die Hechtsheimer gelobt, denn just am 9. September erhält die Amtsvogtei Weisenau  den Auftrag, „der Gemeinde Bodenheim, vorzüglich aber der Gemeinde Hechtsheim die kurfürstlich höchste Zufriedenheit  und Wohlgefallen über das ausgezeichnete deroselben gute Benehmen bei dem Einfall der französischen Truppen so wie hernach ... zu erkennen zu geben“.  Am 12. September versammelt Martin Kerz – nun wieder als Schultheiß amtierend – seine Gemeinde. Ein Beamter aus Mainz lobt sie für ihre biedere teutsche Anhänglichkeit, Standhaftigkeit und Treue zu ihrem Landesherrn und verspricht ihr, dass auf Hechtsheimer Anliegen und Interessen seitens der Regierung  künftig „vorzüglich Rücksicht genommen werde“.

Ob es so kam, wissen wir nicht, doch gab es gute Gründe für dieses „allerhöchste Wohlwollen“. Denn die Hechtsheimer hatten sich zwischen Oktober 1792 und April 1793 (solange dauerte die Mainzer Republik auf dem Lande) der von den Franzosen und den Mainzer Jakobinern angestrebten Revolution und der Reunion (Vereinigung mit Frankreich) fast geschlossen verweigert; nur Lehrer Ignaz Gundolf war in den Verdacht geraten, ein „Klubist“  bzw. „Patriot“ zu sein. Gegenüber den Franzosen als Besatzungsmacht war man loyal, führte die befohlenen Schanzarbeiten rund um Mainz mit aus, leistete unentgeltlich „Fuhrfronden“ , hatte immer wieder auch „Neufranken“ in Einquartierung, deren Kosten die Gemeindekasse (später) tragen sollte. Die politischen Ideen der französischen „Freiheitsapostel“  - Abschaffung des Feudalsystems, Anschluss an Frankreich und Einführung der Demokratie – zündeten in Hechtsheim jedoch nicht. Als die Nachbarorte Weisenau, Laubenheim und Bretzenheim Mitte November 1792 ihre Kerb für eine Ortsrevolution nutzten und „muntere Bäume der Freiheit“ (Goethe) pflanzten, blieb es in Hechtsheim ruhig: Es gab hier keinen Freiheitsbaum, der nichts anderes war als ein zum politischen Symbol umfunktionierter Kerbebaum. Wirkungslos war auch der Versuch, die Kirche für die Revolution einzuspannen: Als Pfarrer Koch auf Anordnung der von den Franzosen eingesetzten „Allgemeinen Administration“ Ende November von der Kanzel revolutionäre Propaganda verlesen sollte, z.B. das Plakat „Wie gut es die Leute am Rhein und an der Mosel jetzt haben könnten“ – nämlich dann, wenn sie eine Revolution machen würden – konnte er sich mit Rückendeckung des Ordinariats weigern. Nicht so Schultheiß Kerz, der ähnliche Flugschriften (Von der Staatsverfassung in Frankreich u.a.) am Rathaus bekannt zu machen hatte. Wenig Wirkung zeigten wohl auch die volkstümlichen Broschüren, die Hechtsheimer Bauern vom Mainzer Wochenmarkt mitbrachten. Während Nachbargemeinden wie Gau-Bischofsheim und Klein-Winternheim schon früh für die „fränkische Constitution“ votierten, verhielten sich die Hechtsheimer auffallend unauffällig.

Doch auch sie entgingen der von Mainz aus betriebenen „Revolutionierung“ nicht. Als am 22. Dezember 1792 zwei Kommissare der Administration, die Jakobiner Hornung und Gaul ins Ort kamen, um herauszubekommen, ob die Hechtsheimer „die freie Franken Konstitution annehmen wollten oder nicht“, da fanden sie einen fast leeren Ort vor. Denn die meisten stimmfähigen (d.h. über 21-jährigen) Hechtsheimer Hausväter waren „zufällig“ auf dem Mainzer Markt und die wenigen Daheimgebliebenen erklärten rundheraus: „da sie so nahe an  der Stadt lägen, würden sie sich nach der Mehrheit der Stadteinwohner richten“. Schlau waren sie, die Hechtsheimer, doch die Administration war schlauer: Sie versprach eine Minderung der Besatzungslasten, ließ aber bei ihrem politischen  Ziel nicht locker und schickte die zwei Kommissare nochmals ins Dorf – ausgerechnet an Heiligabend. Jetzt votierten zwei Drittel für die „fränkische Constitution“.  Ein Erfolg für die Revolutionierung war das jedoch nicht, denn von 140 stimmfähigen Hechtsheimer waren  45 demonstrativ zuhause geblieben. Und als die Franzosen hier Ende Februar 1793 mit dem Mainzer Jakobiner Karl Steinem erschienen, um in einer Art „Zwangsbefreiung“ die Gemeinde auf „Freiheit und Gleichheit“ zu vereidigen, eine Munizipalität (Ortsvorstand mit einem Maire an der Spitze) und einen Abgeordneten für den „Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent“ wählen zu lassen, da verweigerten sich die Hechtsheimer geschlossen dieser Munizipalisierung.

Die Gründe dafür waren (wie an vielen Orten Rheinhessens und der Pfalz), vielfältig: voran die unsichere Kriegslage (die Preußen standen schon gegenüber in Hochheim). Zudem empörte auch die Bauern der nun herrschende Zwang zur Freiheit, während die Wahl an Weihnachten noch Alternativen zugelassen hatte. Vor allem aber waren die Hechtsheimer sehr konservativ, der Kirche und dem Kurfürsten treu ergeben. Darin bestärkte sie auch ihr Pfarrer jeden Sonntag, indem er in seine Predigt entsprechende Ermahnungen einfließen ließ. Kein Wunder, dass die Franzosen und Jakobiner ihn für den Kern des Widerstands der Hechtsheimer hielten und am 10. März von Soldaten nach Mainz bringen ließen, weshalb es einen großen Volksauflauf vor dem Pfarrhaus gab. Dabei taten sich zwei Hechtsheimer Frauen besonders hervor. Sie hatten schon bei der Gemeindeversammlung zuvor randaliert, sich gegen die Franzosen „die Mäuler verrissen“, mehrere „Freiheitsapostel“ mit Sand beworfen und kräftig gegen eine Eidleistung agitiert. Kein Wunder, dass die Pariser Kommissare in Mainz die beiden Hechtsheimer Weiber verhaften, nach Mainz bringen und dort für drei Tage ins Zuchthaus werfen ließen, „damit es ihnen für die Zukunft vergeht, die Bürger von Hexheim gegen den Schwur der Freiheit aufzuhetzen“. Da die Hechtsheimer auch noch zwei Tage später den Eid verweigerten, nahmen die Franzosen kurzerhand sieben Familienväter als Geiseln und brachten sie nach Mainz. Dort saß inzwischen Pfarrer Koch, zunächst auf dem Eisenturm, wurde aber dann Ende März mit anderen pretres réfractaires, als ungeschworenen Priestern aufs rechte Rheinufer abgeschoben. Dass Hechtsheimer Frauen ihn durch eine „Demo“ aus dem Gefängnis herausgeholt hätten, ist daher eine vielleicht schöne, aber historisch nicht haltbare Legende.

In Hechtsheim selbst waren die Hofraiten indessen voll mit einquartierten Franzosen, die sich am Wein und anderem Besitz der halsstarrigen Bauern schadlos hielten. Nur der Form halber hatten diese einen Maire gewählt: den bisherigen Schultheißen Martin Kerz; einen Deputierten für den Mainzer Nationalkonvent bestimmten sie jedoch nicht. Der Gottesdienst wurde zunächst von dem alten Pfarrer Andreas Schäfer aus Heilig-Kreuz aufrecht erhalten, dann von dem – zwar ungeschworenen, aber als Patriot verdächtigten – Augustinerpater Beda Ihlein. Etwas schadenfroh notiert  Koch (später) im Kirchenbuch, dass in diesen vier Wochen nur eine Taufe und ein Begräbnis stattfand. Am 14 April zeigte sich der Pfarrer wieder seinen Hechtsheimern; vielleicht hatte er sich drei Tage zuvor im Karthäuser Hof versteckt. Seine Rückkehr war aber nur möglich, weil inzwischen Preußen und Österreicher die Stadt ringsum eingeschlossen hatten. Das brachte auch den sieben, im März nach Mainz verschleppten Hechtsheimern die Freiheit. Denn der Versuch der Franzosen Anfang April diese und andere Geiseln ins Elsass zu bringen, scheitere bei Oppenheim an einem preußischen Kommando. Preußen lagen jetzt auch in und vor Hechtsheim, das bald ganz im Zeichen der berühmten Belagerung  von Mainz stand, die erst am 23. Juli 1793 mit der Kapitulation der Franzosen und dem Beginn der Klubistenverfolgung endete. Doch das ist eine andere Geschichte.

Hechtsheim in der Mainzer Republik: ein bewegtes Stück Ortgeschichte, zugleich ein Beispiel dafür, wie kompliziert die Entwicklung der Demokratie in Deutschland verlief. Uns Heutigen ist diese Staatsform selbstverständlich, ihre Ablehnung durch die Hechtsheimer 1792/93 aber sehr fremd. Doch so wichtig und richtig die Suche nach frühen deutschen Demokraten ist: Es wäre historisches Wunschdenken, die Hindernisse, auf die sie trafen, zu leugnen. Natürlich gab es auch viele revolutionsfreundliche Orte, doch der hartnäckige Widerstand der Hechtsheimer war kein Einzelfall. Auf sie und viele andere Gemeinden traf die Feststellung eines Zeitgenossen zu: „Man zwang das Volk zur Freiheit“ – ein Dilemma, das es bis heute in vielen Teilen der Welt gibt.

(zuerst veröffentlicht in: Hechtsheimer Bote, Jubiläumszeitung, v. 25.4. 2008, S. 20-21)

Quellen und Literatur

  • Stadtarchiv Mainz/ Best. 1, Fasz. 161 – Best. 11, Fasz. 16 – Best. 20, Bd. 172 VOA 12 (Hechtsheim), Fasz. 575, 769, 770, 846 u. 847.
  • Dom- und Diözesan-Archiv Mainz, Erzdiözese Mainz/Personalia, Kasten 48/1, Fasz. 72.
  • Staatsarchiv Würzburg, Mainzer Regierungsakten V: Klubbisten, Fasz. 296.

  • Franz Dumont, Die Mainzer Republik von 1792/93. Studien zur Revolutionierung in Rheinhessen und der Pfalz. Alzey 2. Aufl. 1993.
  • Franz Dumont / Heiner Stauder, Unter der Trikolore – Hechtsheim im Zeitalter der Französischen Revolutiion und Napoleons. In: Hechtsheim vom Mittelalter bis zum Ende der napoleonischen Zeit. (= H. VI der Schriftenreihe des Vereins Hechtsheimer Ortsgeschichte), Mainz 1996, S.92-132.
  • Gottfried Kneib, Das Kurmainzer Amt Olm. Alzey 1993.
  • Johann Metzger, Kurze Darstellung der Kriegsereignisse in den Jahren 1792-1793. Finthen  1892.
  • Heinrich Scheel, Die Mainzer Republik II: Die Protokolle des Rheinisch-deutschen Nationalkonvents mit Quellen zu seiner Vorgeschichte. Berlin (Ost) 1981.
  • Jakob Schneider, Hechtsheim und die Französische Revolution. Die Bauern wollten ihren Pfarrer verteidigen. In: Hechtsheimer Bote. Jubiläumszeitung v. 25.4. 2008, S. 19.

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